FORUM RUNDBRIEF: Ein Recht auf Mehrweg – für alle!

Artikel “Ein Recht auf Mehrweg – für alle!” des Rundbriefs des Forum Umwelt und Entwicklung  von Janine Korduan.

Deutschland kann Mehrweg, es war lange weit verbreitet, insbesondere im Getränkebereich. Doch die Flutung des Marktes mit Einwegplastikverpackungen hat Mehrwegprodukte zurückgedrängt. Heute gibt es kaum noch Mehrweg, die Zielquote von 70 Prozent bei Getränken wird bereits seit Jahren weit verfehlt. Aktuell liegen wir bei etwa über 40 Prozent. Konsequenzen gibt es keine. Die Politik hat versäumt den Rahmen zu setzen und Mehrwegsysteme zu erhalten oder auszubauen – von Konserven bis Kosmetik. Es würde überall ökologisch viel Sinn ergeben, denn nur Mehrwegartikel sind echter Ressourcen- und Klimaschutz. Die Versuche, Mehrweg wieder breiter zu verankern sind bemerkenswerte Leuchttürme, greifen jedoch nicht und die Verantwortlichen ziehen keine Lehren aus der Vergangenheit.

Ein Recht auf Mehrweg – für alle!

Poolfähige Mehrwegverpackungen sollten Allgemeingut werden

Deutschland kann Mehrweg, es war lange weit verbreitet, insbesondere im Getränkebereich. Doch die Flutung des Marktes mit Einwegplastikverpackungen hat Mehrwegprodukte zurückgedrängt. Heute gibt es kaum noch Mehrweg, die Zielquote von 70 Prozent bei Getränken wird bereits seit Jahren weit verfehlt. Aktuell liegen wir bei etwa über 40 Prozent.[1] Konsequenzen gibt es keine. Die Politik hat versäumt den Rahmen zu setzen und Mehrwegsysteme zu erhalten oder auszubauen – von Konserven bis Kosmetik. Es würde überall ökologisch viel Sinn ergeben, denn nur Mehrwegartikel sind echter Ressourcen- und Klimaschutz. Die Versuche, Mehrweg wieder breiter zu verankern sind bemerkenswerte Leuchttürme, greifen jedoch nicht und die Verantwortlichen ziehen keine Lehren aus der Vergangenheit.

Mit der Einführung der Mehrwegangebotspflicht für den To-go-Bereich müssen Anbieter von Speisen und Getränken neben Einwegprodukten auch Mehrwegalternativen für die Kund:innen anbieten. Sicherlich ein erster wichtiger Schritt, Verpackungsmüll zu reduzieren und vor allem Mehrwegsysteme wieder in den Alltag zurück zu bringen. Doch leider ist der Markt gerade von verschiedenen Anbietern und Lösungen geprägt, die nicht zusammenpassen – sogenannte Insellösungen. Viele verschiedene Mehrweglösungen kursieren, was es Verbraucher:innen erschwert, sie zu nutzen, da Gebinde nicht überall zurückgegeben werden können und damit ein größerer Aufwand entsteht. Der zweite Nachteil ist, dass Einweg immer noch angeboten werden darf und Mehrweg oft teurer oder umständlicher ist und somit nicht gewählt wird. Oftmals wird die Mehrwegalternative von Händlern nicht beworben oder ungefragt Einwegverpackung genutzt. Mehrweg im Essensbereich wird zu einem teuren und umständlichen Extrawunsch.

Es ging schon anders

Der Getränkebereich zeigt eindeutig: Mehrweg ist machbar. Insbesondere bei Bieren gibt es ein funktionierendes System mit langer Tradition. Auch für nicht alkoholische Getränke existieren Mehrweglösungen, die jedoch stärker von Einwegprodukten zurückgedrängt werden. Auch andere Branchen hatten in der Vergangenheit eine bedeutende Mehrwegquote, insbesondere Molkereien. Pfand-Milchflaschen und Joghurtgläser waren die dominante Verpackungsform. In beiden Bereichen sind Mehrwegverpackungen rückläufig, diese Entwicklung ist seit den 1990er-Jahren überall wahrnehmbar. Einwegprodukte haben gegenüber Mehrwegprodukten den Vorteil, dass ihre Produktion sehr günstig ist, da Neumaterialien und Rohstoffe nur leicht im Preis gestiegen sind. Die Bewirtschaftung des Mülls wird, je nachdem in welcher Mülltonne die Einwegprodukte und Verpackungen nach der Nutzung landen, von den dualen Systemen oder den Kommunen organisiert und finanziert. Dies ist einfacher und günstiger als die Bewirtschaftung und Logistik von Mehrwegverpackungen, da sich hier verschiedene Arbeitsschritte anschließen. Während zum Beispiel mit Müllverbrennungsanlagen Strom und Wärme produziert und somit sogar ein Plus erwirtschaftet werden kann, braucht es für das Mehrwegsystem eine entsprechende Pfand- und Rückgabeinfrastruktur, sowie die komplette Logistik dahinter. Mehrwegprodukte müssen gereinigt und wieder neu verteilt werden. Zusätzlich muss sichergestellt werden, dass die Abfüller genug Mehrwegverpackungen haben und die Wege kurz bleiben. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass dies machbar ist, die Flutung mit billigen Einwegprodukten bleibt dennoch für viele Unternehmen attraktiver. Die Politik hat hier eindeutig versäumt, einen politischen Rahmen zu setzen.

Pool-Mehrwegsysteme

Auch wenn die benötigte Infrastruktur für Mehrwegsysteme nach viel Aufwand und Ressourcenverbrauch klingt, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mehrweg deutlich mehr CO2 und Ressourcen einspart. Eine Hochrechnung prognostiziert, dass allein die konsequente Nutzung von Mehrwegflaschen für alkoholfreie Getränke jährlich so viel CO2 einsparen würde, wie 900.000 Pkw verursachen[2]. Wenig beachtet ist oftmals, dass die Produktion von Plastik enorm viel Energie und fossile Ressourcen benötigt. Einwegplastik, das am Ende der Nutzungsphase gar verbrannt wird, ist wesentlich ressourcenintensiver als die Wiederverwendung von Produkten.

Natürlich braucht es dafür eine Organisation. Mehrweg-Poole waren und sind bereits verbreitete Ansätze. Ein Pool-System bedeutet, dass unterschiedliche Anbieter auf verschiedene standardisierte Mehrweggebinde zurückgreifen können. Ist ein solcher Pool offen und nicht gemanagt, gibt es keine Regeln, Absprachen oder Standards für Qualitätsvorgaben. Dies führt zu Konflikten. Im Bereich Biermehrweggebinden hatte dies zur Folge, dass vermehrt Individualflaschen auf den Markt kamen und Brauereien sich damit aus dem Pool herausgezogen haben. Die ökologischen Vorteile eines Mehrwegsystems werden so untergraben. Ist ein Pool hingegen gemanagt, gibt es klare Regeln zum Zugriff auf die Gebinde und dafür, welchen Qualitätsstandards diese unterliegen. Dies ermöglicht es kleineren Abfüllern und Anbietern teilzuhaben. In Kombination mit digitalen Registrierungen und Unterstützung der Logistik kann sichergestellt werden, dass die benötigte Menge an Gebinden immer am richtigen Ort ist.

Demokratische Mitbestimmung

Um Monopolisierungen zu verhindern und kleinen Anbietern und Abfüllern gerechte Zugriffe auf einen Mehrwegpool zu verschaffen, braucht es Organisationsformen, die die Mitbestimmung aller im Pool vertretenen Anbieter sichern. Genossenschaften oder Vereine, in denen allen eine Stimme haben, sind bspw. solch eine Form. Ein hierfür tolles Beispiel ist die Genossenschaft Deutsche Brunnen eG. Diese betreibt einen geschlossenen und gemanagten Pool für Mineralwasserflaschen aus Glas und PET. Nahezu jeder Mineralbrunnen in Deutschland ist Mitglied und hat unabhängig von der Größe eine Stimme. Zentrale Entscheidungen werden in der gemeinsamen Generalversammlung getroffen. Anders sieht es bei Mehrwegpools aus, die als GmbH organisiert sind, wie bspw. die Gemema GmbH – ein Biermehrwegsystem für Langhalsflaschen großer Brauereien. In dieser GmbH verteilen sich die Stimmrechte nach Abfüllmenge, wodurch kleinere Brauereien im Nachteil sind.

Noch weiter geht die Demokratisierung, wenn ein Poolsystem und die dazugehörige Infrastruktur Gemeingut oder Allmende wären. Allmende sind Güter, Ressourcen und Infrastrukturen, die gemeinschaftlich erzeugt, erhalten und genutzt werden und allen Menschen nutzen. Sie sind kein Privateigentum, sondern gehören der Gesellschaft. Gemeingüter ermöglichen es Menschen, auf Ressourcen und Infrastrukturen zurückzugreifen, unabhängig von ihrem Einkommen oder gesellschaftlichen Status und bilden damit einen unerlässlichen Teil in der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge. Mehrwegsysteme werden derzeit privat oder teilgesellschaftlich, in Form von Vereinen und Genossenschaften, organisiert und geführt.

Der Aufbau einer flächendeckenden Mehrweginfrastruktur braucht als Erstes große Investitionen in die entsprechenden Betriebsmittel. Demnach müssten Transportmittel für die effiziente Logistik mit kurzen Wegen sowie flächendeckend eine Infrastruktur zur Spülung der Gebinde aufgebaut werden. Eine solche Investition lohnt sich vor allem innerhalb einer großen Skalierung, d.h. wenn sie die ganze Gesellschaft umfasst und eben nicht mehrere solcher Systeme parallel entstehen. Zeitgleich muss die Infrastruktur, um wirklich effizient zu sein, auch nicht überskaliert werden. Da dies entweder ein Monopol oder die Steuerung durch öffentliche Hand gewährleisten könnte, erfüllt ein Mehrwegsystem gute Bedingungen, um als Gemeingut Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge zu sein.

Wir brauchen einen neuen politischen Rahmen für Mehrweg

Politisch muss der Rahmen dafür geschaffen werden, dass Einwegverpackungen nicht weiter bestehende Mehrweglösungen verdrängen. Mehrwegquoten sollten in allen Bereichen festgelegt und durchgesetzt werden. Sanktionen sollten folgen, wenn Händler diese ignorieren. Verbote von Einwegverpackungen mit entsprechenden Übergangszeiten könnten eine Trendwende einleiten und Mehrweg wieder zur Normalität werden lassen. Ein erster richtiger Schritt ist auch, dass Hersteller von Einweg-Plastikprodukten eine Abgabe zahlen müssen, um die Entsorgung und Reinigung auf kommunaler Ebene mit zu finanzieren. Einwegkunststoff darf sich nicht mehr lohnen als Mehrwegsysteme.

Einheitliche Mehrwegsysteme als öffentliches Gemeingut zu etablieren, sollte parallel vorangetrieben werden, damit dies überall der Normalzustand wird. Jede Person hat ein Recht auf Mehrweg, egal ob sie oder er im Discounter oder im Bioladen einkauft. Auch die Rückgabe muss schnell, jederzeit und unkompliziert erfolgen können. Der Zugang und die Nutzung von Mehrweg sollte kein privater Luxus oder die Ausnahme sein, sondern die Regel und öffentlicher Luxus – also für alle gleichermaßen verfügbar.

Janine Korduan ist Referentin für Kreislaufwirtschaft beim BUND.

[1] Umweltbundesamt (2022): Bundesweite Erhebung von Daten zum Verbrauch von Getränken in Mehrweggetränkeverpackungen.
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/bundesweite-erhebung-von-daten-verbrauch-von-0
[2] Deutsche Umwelthilfe (2022): Mehrwegquote bei Getränken viel zu niedrig.
https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/mehrwegquote-bei-getraenken-viel-zu-niedrig-deutsche-umwelthilfe-fordert-umweltministerin-lemke-auf/